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Aral-Studie: Mobilitätswende alarmiert Ölkonzern: Was wird aus den Tankstellen?

Welche Zukunft haben Tankstellen in Zeiten der Mobiltätswende? Zerlegt die Elektromobilität ihr jahrzehntealtes Geschäftsmodell? Das fragen sich auch Mineralölkonzerne wie Aral. Der deutsche Marktführer stellte jetzt seine Vision für die Tankstelle im Jahr 2040 vor und präsentierte eine ernüchternde Studie über die Entwicklung der Mobilität in Deutschland.
Aral ist sich sicher: So schnell wird die Tanke nicht verschwinden. Auch in 20 Jahren werden Kunden noch Treibstoffe brauchen. Andere vielleicht als heute. Künftige Mobilitätsangebote bieten aber auch neue Geschäftsmodelle: Tankstellen würden stärker als heute Anlaufstellen im mobilen Alltag, so der Konzern. Schon heute machten sie nur noch die Hälfte ihres Umsatzes mit dem Verkauf von Treibstoff. Aral sieht fünf Trends:
Das Kraftstoffgeschäft wird sich diversifizieren: von konventionellen bis zu synthetischen Kraftstoffen (die nicht aus Erdöl hergestellt werden), Wasserstoff und ultraschnellen Elektro-Ladesäulen.
Das Shop-Angebot wird an Bedeutung gewinnen – vor allem im ländlichen Raum, wo die Zahl der Geschäfte sinkt.
Tankstellen werden Umsteigeplätze für Sharing- und Poolingdienste – vom E-Bike über Taxi und Bus bis zum Lufttaxi.
Aral hofft auch, dass sich Tankstellen zu Servicepunkten für Betreiber von Sharing- und Logistikdiensten entwickeln, die dort ihre Flotten laden, warten und reinigen.
Tankstellen könnten auch eine Rolle als Umschlagplatz für Logistikunternehmen spielen, vor allem im ländlichen Raum.
Verkehr steigt um ein Viertel
Die Mobilität der Zukunft führt nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt zu zwei gegenläufigen Trends: Das Szenario erwartet zum einen bis 2040 den Anstieg der gefahrenen Kilometer um 24 Prozent. Andererseits wird der Pkw-Bestand in Deutschland bis dahin leicht sinken (von 45,4 auf 43,1 Millionen), was zum einen an der zunehmenden Urbanisierung und zum anderen an der sinkenden Bevölkerungszahl liegt. Welchen Einfluss dagegen das Sharing hat, lässt sich wegen seines geringen Anteils noch nicht sagen.
Die Ära der Hybride kommt
„Auch bei den Antriebsarten wird es Veränderungen geben, insbesondere durch eine zunehmende Hybridisierung“, sagt Barbara Lenz voraus, die Direktorin am Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), das die Aral-Mobilitätsstudie erarbeitet hat. „2040 werden über 75 Prozent der Pkw-Flotte zumindest teilelektrifiziert sein“, erwartet die Professorin. Damit meint sie Diesel- und Benzin Hybride. Insgesamt fast 20 Prozent aller Pkw seien bis dahin nahezu vollelektrisch auf der Straße, nämlich als Plugin-Hybrid, bei dem der Verbrennungsmotor bei Bedarf den Akku lädt, und als reiner Stromer.  Bei den Nutzfahrzeugen sagt ihr Szenario einen ähnlichen Trend voraus, wobei Benziner hier keine Rolle spielen. 
Die eher schleppende Mobilitätswende ist der Trägheit des Marktes geschuldet: Jedes zweite zugelassene Fahrzeug sei heute bis zu zehn Jahre alt, jedes dritte 20 Jahre, sagt Lenz. Ihr Szenario schreibt diesen Trend fort.

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Menschen werden mobiler
Obwohl die Mobilitätswende nur langsam voranschreitet, sieht Lenz die Zukunft des autonomen Fahrens optimistisch. Sie hat einen Marktanteil von 25 Prozent bis zum Jahr 2040 errechnet – allerdings unter der Voraussetzung, dass autonome Autos bis 2024 marktreif werden. Der Anteil des autonomen Carsharing (Robo-Taxis) am Verkehr wird mit 14 Prozent der Fahrzeugkilometer berechnet. Auf autonomes Pooling könnte in dichtbesiedelten Städten zwölf Prozent der Fahrzeugkilometer entfallen.
Rückblickend hat sich die Mobilität der Menschen seit 2002 kaum verändert. Eine aktuelle Studie des Bundesverkehrsministeriums geht von 3,1 Wegen pro Mensch und Tag mit insgesamt 39 Kilometern Länge aus, die in 80 Minuten bewältigt werden. Lenz erwartet jedoch, dass der Mobilitätsbedarf der Menschen steigen wird, was sich an einem Anstieg der Pkw-Fahrleistung (außer in Kernstädten) zeigen wird. Eine Erklärung könnte sein, dass im Zuge der zunehmenden Urbanisierung mehr Menschen im sogenannten Speckgürtel der Metropolen leben werden.
Klimaziele werden wohl kaum erreicht
Stärkere Zuwächse gibt es bei den Nutzfahrzeugen: Hier wird sich die Fahrleistung bis 2040 verdoppeln. Die Gründe: mehr Onlinehandel, mehr Lieferservices. Allerdings macht der Lieferverkehr in der Gesamtbilanz nur einen Bruchteil des Pkw-Verkehrs aus.
Wie das angesichts dieser Zahlen die neuen Klimaziele der EU zu erreichen ist, scheint fraglich. Barbara Lenz erklärte auf Anfrage von Gründerszene, ihr Szenario sei im Herbst 2018 berechnet worden – also vor dem EU-Beschluss, den Flottengrenzwert bis 2030 auf 60 Gramm CO2 pro Kilometer zu senken. Ihr Szenario gehe davon aus, dass keine weiteren Maßnahmen zur Förderung von E-Mobilität unternommen würden. „Damit beschreiben die Ergebnisse das, was eintritt, wenn nichts gemacht wird“, erklärt Lenz.
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Bild: Getty Images / Stock