- Perspektive

Giant Swarm: Ein Büro braucht kein Mensch

Einmal im Jahr treffen sich die Mitarbeiter von Giant Swarm und lernen sich persönlich kennen.

Dieser Artikel erschien zuerst am 18. Dezember 2018 im Rahmen der Gründerszene Awards.

Oliver Thylmann ist mit seinen Kollegen zum Mittagessen verabredet. Vor ihm auf dem Tisch stehen fünf Rollen Sushi, die er, dicht über die Packung gebeugt, mit Stäbchen in seinen Mund schiebt. „Wie ist Bristol?“, fragt er seinen Kollegen Paweł Kopiczko. „Es gibt ein paar komische Sachen“, antwortet dieser. „Die verwenden zwei verschiedene Wasserhähne, einen für kaltes und einen für warmes Wasser.“ Thylmann lacht, der Smalltalk läuft weiter.
Es ist ein normales Gespräch zwischen Kollegen – theoretisch. Denn Oliver Thylmann und seinen Kollegen trennen 780 Kilometer. Die beiden sind nur durch einen Bildschirm und ein Mikrofon verbunden, Thylmann sitzt in Köln, Kopiczko in Bristol. Andere Kollegen haben sich aus der Ukraine, Spanien und aus der Nähe von Köln zugeschaltet.
Immer freitags sind die 24 Mitarbeiter des Startups Giant Swarm zum „virtuellen Essen“ verabredet. Sie arbeiten von ihren Heimatorten aus, hocken vor ihrem Computer im Arbeitszimmer oder in Coworking-Spaces – das Startup unterhält keinen richtigen Unternehmenssitz. Die Entwickler kommunizieren fast ausschließlich über das Chatprogramm Slack oder sprechen in Videokonferenzen mit Google Hangout. Auch die Handvoll Mitarbeiter aus Köln kommt nur selten in ein kleines Büro, das Giant Swarm dort angemietet hat. Oft arbeiten sie einfach zu Hause.
Warum macht ein Unternehmen so etwas? Es war kurz nach dem Start vor vier Jahren, als die Gründer von Giant Swarm merkten, dass sie ihr Startup als „verteilte Firma“ aufbauen müssen, erzählt Oliver Thylmann, einer der Gründer. Giant Swarm entwickelt für große Kunden die technische Infrastruktur, ein Produkt „von Techies für Techies“. Der Sportkonzern Adidas organisiert zum Beispiel seine Homepages mithilfe des Startups. „Wir brauchten für unser Vorhaben ganz spezielle Entwickler“, sagt Thylmann. Sie mussten die Programmiersprache Go beherrschen und sich mit Kubernetes auskennen.
Die Technik des Startups hilft dabei, einzelne Anwendungen etwa auf einer Website in sogenannten Clustern unterzubringen. Auf diesem Weg lassen sie sich leichter und schneller verändern, ohne dass die ganze Website davon beeinflusst wird. Sonst gibt es in der Software oft unvorhersehbare Wechselwirkungen. „Uns war klar, dass wir es nicht schaffen werden, all die guten Leute für unser Vorhaben nach Köln, London oder sonst wohin zu bekommen“, sagt Thylmann.
Die Gründer stellten sich also die Frage: Warum nicht einfach in ganz Europa verteilt arbeiten? Wahrscheinlich sei es sogar günstiger, die Programmierer an ihrem Wohnort anzustellen, war ein Gedanke. Außerdem müssten die Mitarbeiter ohnehin öfter zu einem Kunden fahren, meist großen Unternehmen – da helfe es, wenn beispielsweise jemand in London vor Ort sei. 
Nach und nach entwickelte sich ein Unternehmen mit Einmann-Niederlassungen in Europa verteilt, überall dort, wo das Startup gute Entwickler entdeckte. „Wir mussten diesen radikalen Schritt gehen“, sagt Oliver Thlymann im Rückblick. „Wenn ein paar Mitarbeiter zusammen im Büro sitzen und die anderen verteilt sind, entsteht eine Zweiklassengesellschaft.“ Deswegen trafen sie die Entscheidung gegen ein gemeinsames großes Büro.

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Die Schwierigkeit für das Unternehmen war es, den Alltag eines Bürolebens in die digitale Welt zu übertragen. Das Mittagessen, das Gespräch in der Kaffeepause, das Feierabendbier. „Wir haben keinen natürlichen Flurfunk, deswegen mussten wir einen Ersatz finden“, bemerkt Thylmann. Im Chatprogramm Slack gibt es nun unzählige Unterhaltungs-Kanäle abseits der Arbeit, dort tauschen sich die Mitarbeiter etwa über Bücher oder Sport aus.
„Eine Regel lautet: Du darfst nicht böse sein, wenn du nicht mindestens einmal nachgefragt hast“
Doch das allein reicht nicht aus. Jeder muss sich daran gewöhnen, vieles aufzuschreiben, mehr als sonst üblich. „Wir nennen es Überkommunizieren“, sagt der Gründer. Mehr als im normalen Büroalltag schreiben die Startup-Mitarbeiter über ihre Tätigkeiten, sie teilen sich lieber einmal zu viel mit als zu wenig. Beispielsweise, was sie gerade machen, wenn sie kurz einkaufen gehen oder wie das Wetter in ihrem Heimatort gerade ist. Schließlich sollten alle wissen, was die Kollegen gerade umtreibt. „Für manche ist das nichts“, so Thylmann. Einige Mitarbeiter verließen das Unternehmen, mit der ständigen digitalen Kommunikation kamen sie nicht klar.
Oliver Thlymann beim Team-Lunch
Auch im jetzigen Team gibt es Situationen, in denen das Modell an seine Grenzen stößt. Beispielsweise, wenn sich jemand angegriffen fühlt. Wie ist der Kommentar vom Kollegen zur eigenen Arbeit gemeint? Ernst? Ironisch? Ist es ein dummer Spruch? Zwischentöne lassen sich in einem Chat nur schwer transportieren. Auch dafür haben sich die Gründer des Startups eine Regel ausgedacht: „Du darfst nicht böse sein, wenn du nicht mindestens einmal nachgefragt hast, wie das gemeint war“, fasst Thylmann sie zusammen. Die unterschiedlichen Typen im Unternehmen, der unterschiedliche Humor führten sonst in den Chats zu Missverständnissen.
Ganz ohne den persönlichen Austausch geht es daher nicht. Zweimal im Jahr trifft sich das ganze Team, vor wenigen Monaten hat das Startup auf Mallorca ein Haus gemietet. Manche Mitarbeiter sah Oliver Thylmann dort zum ersten Mal im echten Leben, denn er stellt sie mittlerweile auch per Video ein. „Natürlich ist es etwas anderes, jemanden persönlich kennenzulernen“, gibt Thlymann zu. Und trotz aller digitalen Hilfsmittel könne man das Gegenüber nach dem Teamtreffen besser einschätzen. Das helfe auch, sich zukünftig leichter zu verständigen, wenn jeder wieder an seinen Arbeitsort zurückkehre. 
Damit die ortsunabhängige Firma funktioniert, versuchen es die Gründer mit uneingeschränkter Transparenz. „Jeder vertritt die Firma nach außen, beispielsweise vor den Kunden“, sagt Thylmann. Alle Mitarbeiter kennen zum Beispiel die Gehälter der anderen, jeder kann über das geforderte Einstiegsgehalt von neuen Mitarbeitern mitdiskutieren. Eine Formel soll dabei helfen, einen Richtwert des Gehalts auszuspucken. Die Erfahrung mit der Programmier­sprache Go, die Lebenshaltungskosten, die Anzahl der Kinder fließen beispielsweise in die Gehaltsformel ein. Am Ende gibt es noch etwas Verhandlungsspielraum. „Wir wollen, dass jeder den Lebensstandard haben kann wie wir hier in Köln“, sagt Thylmann. Jemand in London verdient zum Beispiel mehr als ein Mitarbeiter aus Köln, ganz einfach, weil die Lebenshaltungskosten in der britischen Hauptstadt höher sind. Die Gehälter liegen dabei zwischen 30.000 und 100.000 Euro pro Jahr. 
Auch den Kontostand der Firma kennt jeder. „Da werden einige schon etwas nervös, wenn das Geld mal knapp wird“, sagt der Gründer. „Wir sind durch die Transparenz gezwungen, mehr zu erklären.“ Was sie gern tun. Als Startup mit nur einem Hauptsitz hätten sie nie die fähigen Mitarbeiter bekommen, die heute für Giant Swarm arbeiten, ist sich der Gründer sicher.
Von diesen Ländern arbeiten die Startup-Mitarbeiter aus:

Bild: Startplatz