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Joint Venture: Finleap fusioniert Figo mit Finreach und schmiedet großes B2B-Fintech

André M. Bajorat soll eine führende Position innerhalb des Finleap-Imperiums übernehmen.
Paukenschlag in der deutschen Fintech-Branche: Nach exklusiven Recherchen von „Finanz-Szene.de“ schlüpft der Hamburger API-Dienstleister Figo (also die Firma von Fintech-Vordenker André Bajorat) unter das Dach des Berliner Inkubators Finleap. Dieser verschmilzt Figo mit seiner Tochter Finreach Solutions, wodurch das mit 90 Mitarbeitern größte deutsche B2B-Fintech hinter der Solarisbank entsteht, die ebenfalls zu Finleap gehört. Die Verträge wurden gestern am späten Abend unterzeichnet, heute Morgen sollen die Mitarbeiter in Kenntnis gesetzt werden.
Um die Verteilung der Anteile wurde Insidern zufolge in den vergangenen Wochen hart gerungen. Als wahrscheinlich darf gelten, dass Finleap die Mehrheit an dem Joint-Venture halten wird – und den bisherigen Figo-Gesellschaftern (unter denen sich zum Beispiel die Deutsche Börse und die Berliner Volksbank befinden) ein Minderheitsanteil bleibt. Im Zuge der Fusion soll es eine Kapitalerhöhung geben, an der sich dem Vernehmen nach neben Finleap auch Figo-Eigner beteiligen.
CEO des neuen Unternehmens wird der bisherige Finreach-Solutions-Chef Markus Dränert. Ihm zur Seite stehen als Produktchef Taner Akcok (bislang ebenfalls Finreach) und als Risikochefin Cornelia Schwertner (bislang Figo). Figo-Vordermann Bajorat wird nach einer Übergangsphase aus dem operativen Management ausscheiden, soll danach aber dem Aufsichtsrat angehören und eine führende Position innerhalb des Finleap-Imperiums übernehmen.
Finleap ändert seine Strategie
Für Finleap bedeutet die Integration von Figo eine Abkehr vom bisherigen Mantra, Finanz-Startups selber zu entwickeln, statt sie zuzukaufen bzw. durch eine Fusion ins eigene Firmenreich einzubringen. Seit 2014 hat Finleap rund ein Dutzend Finanz-Startups hochgezogen, darunter das B2B-Insurtech Element, den Online-Versicherungsmakler Clark, den B2B-Robo-Advisor Elinvar und besagte Solarisbank. Indes: Ein API-Spezialist, wie es Figo einer ist, gehörte bislang nicht zum Finleap-Reich. Stattdessen kaufen die Ventures das entsprechende Know-how, wenn sie es für ihre eigenen Dienstleistungen brauchen, extern ein, nicht nur bei Figo, sondern auch bei anderen API-Fintechs wie FintecSystems.
Schon im vergangenen Sommer war Finreach von der Mutter Finleap eine strategische Neuausrichtung verordnet worden: Aus dem Anbieter von Kontowechsel-Services sollte (so erläuterte es Finleap-Chef Ramin Niroumand damals im Gespräch mit „Finanz-Szene.de“) „eine Plattform werden, die den Banken verschiedenste Features oder bei Bedarf sogar Komplettlösungen zur Verfügung stellt.“
Durch die Integration von Figo (die Hamburger bringen neben ihrer API-Kompetenz übrigens auch eine PSD2-Lizenz in das Joint-Venture ein) wird dieser Ansatz nun noch einmal ein Stück prononcierter: „Unser Ziel ist es, in Deutschland und darüber hinaus zur führenden Fintech-Plattform zu werden, die ihren Kunden hochwertige ‚Software as a Service‘-Anwendungen und API-Lösungen liefert“, sagte Dränert gestern Abend gegenüber „Finanz-Szene.de“.
Dabei betonte er, dass die potenziellen Kunden nicht nur unter Banken und Versicherern zu suchen seien: „Unsere Zielgruppe sind sämtliche Unternehmen, die Endverbraucher als Kunden haben und diesen innovative Finanzlösungen anbieten wollen – damit der Endkunde sein gesamtes finanzielles Potenzial heben kann.“
Open-Banking-Plattform für B2B-Kunden
Wenn wir es richtig verstehen, verschreiben sich Finreach und Figo damit einer Idee, wie sie so ähnlich auch das US-Fintech Plaid (im Dezember mit 250 Mio. Dollar finanziert), das schwedische Fintech Tink (im Februar mit 56 Mio. Euro finanziert) und der niederländische Technologiedienstleister Backbase verfolgen: Es geht den API-Spezialisten nicht mehr nur darum, einzelne Services wie Kontoinformationen oder Zahlungsauslösung anzubieten, sondern sie wollen zu Open-Banking-Plattformen werden, mit deren Hilfe ihre B2B-Kunden ein ganzes Bündel von Fintech-Anwendungen beziehen können. 
Hierzulande steuert vor allem der Münchner API-Spezialist NDGIT stark in diese Richtung. Dessen „Banking as a service“-Plattform können Banken als sogenannten Middle Layer über das eigene Kernbanksystem stülpen – und darüber dann Fintech-Drittanbieter wie Robo-Advisor, Online-Makler oder Personal Finance Manager andocken.
Klar ist: Im API-Banking steckt viel Fantasie, wie sich an den für B2B-Verhältnisse immens hohen Fundings für Plaid und Tink zeigt. Aber: Der Markt ist auch hart umkämpft. Zu den Konkurrenten von Figo gehören auf nationaler Ebene nicht nur die bereits erwähnte FintecSystems, sondern zum Beispiel auch BANKSapi oder finAPI. Letztere wurde kurz vor Weihnachten von der Schufa übernommen – schon das war ein Zeichen, dass sich der Markt allmählich konsolidiert.
Die hiesigen API-Spezialisten machen sich dabei nicht nur untereinander Konkurrenz. So hat die Commerzbank nach Informationen von „Finanz-Szene.de“ kein Fintech, sondern den milliardenschweren IT-Dienstleister Accenture als API-Partner ausgewählt. Und: Die Deutsche Kreditwirtschaft entwickelt unter dem Stichwort „Berlin Group“ sogar eigene API-Lösungen für das PSD2-Zeitalter.
Aufstieg in die Liga von Tink und Plaid
Das Bündnis von Finreach und Figo bietet beiden Fintechs nun die Chance, in die Liga der Tinks und Plaids aufzusteigen. Allerdings: Die Unternehmung ist auch extrem ambitioniert und somit riskant. Wie aus dem Bundesanzeiger hervorgeht, fiel bei Figo allein 2017 ein Fehlbetrag von 4,5 Millionen Euro an – für ein B2B-Fintech ungewöhnlich viel (wobei man fairerweise anmerken muss, dass ein Teil des Verlusts auf das aufwendige Thema PSD2-Lizenz zurückzuführen ist).
Auch Finreach dürfte spätestens seit dem Pivot im vergangenen Sommer deutlich Cashflow-negativ sein. Dazu passt, dass es laut Recherchen von „Finanz-Szene.de“ vor Jahresfrist schon einmal eine Kapitalzufuhr vonseiten Finleaps gab. Mit anderen Worten: Die Kombination Finreach/Figo verspricht Erfolg. Allerdings ist sie angesichts des teuren Setups (90 Mitarbeiter, verteilt auf zwei Standorte Hamburg und Berlin) auch zum Erfolg verdammt.
Bild: Figo