- Business, Media

ProSieben-Show: Anhänger-Kupplung für Rollstuhlfahrer räumt bei „Das Ding des Jahres“ ab

Moderatorin Janin Ullmann und Rollikup-Mitgründer Eduard Wiebe in der Vorrunde bei „Das Ding des Jahres“. Gestern gewannen er und seine Mitstreiter im Finale der zweiten Staffel der Show 100.000 Euro.
Schon nach zehn Minuten „Das Ding des Jahres” zeigt Amorelie-Gründerin Leo-Sophie Cramer, dass sie nicht nur als Jurorin der Gründer-Show etwas taugt. Sie schaut die beiden Erfinder Philip und Peter an, die bis dahin ihr Adcase vorgestellt haben, eine Handyhülle, die beim Herunterwerfen des Smartphones automatisch Schutzkrallen ausfährt. „Was für eine Fallhöhe braucht ihr?“, fragt Cramer und beweist damit auch echte Showrunner-Qualitäten – denn über diese Frage hätten die Köpfe hinter dem Staffelfinale der einst von Stefan Raab erdachten Sendung auch noch etwas genauer nachdenken können. Wirklich hoch ist die emotionale Fallhöhe beim Zuschauer während der fast 170 Minuten langen Show nämlich nicht. Dafür gibt’s mindestens drei Gründe. 
Eine Mütze für Wurst, hihi
Da ist zum einen die Jury, die eher oberflächlich freundlich die Produkte testet, anstatt sie auf ihre Investitionstauglichkeit abzuklopfen. Das selbst dabei aber einiges schief gehen kann, beweist Lena Gercke als ein Tüftler seine „Mütze“ vorstellt, eine kleine Vorrichtung, die vorne auf Streichwurst gesteckt wird, damit diese sich leichter verteilen lässt und nicht angammelt. Mehrere Würste, an denen vorne etwas herauskommt? Sowas reicht für Gercke, um im Live-Fernsehen knapp zehn Minuten vor sich hinzukichern.
Cramer und die beiden Männer der Truppe – der wie immer angenehm kumpelhaft-unterstützende Joko Winterscheidt und der konsequent gesiezte REWE-Einkaufschef Hans-Jürgen Moog – versuchen da zwar, dem Abend etwas Gravitas zu verleihen, sie erinnern aber eher an Kommentatoren in Panel-Shows als an den Gründer-Show-Goldstandard „Höhle der Löwen“. Am Ende auch egal, denn bestimmen dürfen die vier Juroren nichts, was Moderatorin Janin Ullmann kurz vor Schluss auch hübsch gaga einräumt: „Im Grunde habt Ihr gar keine Entscheidungsmacht. Aber zumindest habe ich an jeder Stelle nach Eurer Meinung gefragt.“
Ein Schloss für Nutellagläser
Überhaupt nimmt es der Show Spannung und eben die eingangs erwähnte Fallhöhe, dass es nie um Investments geht – es fehlt für die Zuschauer das „Was würde ich tun?“-Element der Löwen. Die teils sympathischen, teils aufgeregten und teils ehrgeizigen Gründer erzählen zwar von ihrem Werdegang, aber außer „eine halbe Million Investition in fünf Jahren“ bleiben die Geschichten hinter den Erfindungen oft unklar oder zumindest bemüht, wie im Fall des Familienvaters, der erzählt, wegen seiner Tochter ein Schloss für Nutellagläser erfunden zu haben. Die Sendung wird so zur routinierten Infomercial-Parade, bei der nach der halben Minute, in der sich den Zuschauern die Produkte erschließen, die Spannung immer wieder schnell abfällt.
Dass vielleicht auch ProSieben diesem „Finale“ nicht ganz getraut hat, zeigt sich auch an der zweigeteilten Struktur der Show. Der Sender hat vor die einstündige Abschluss-Abstimmung direkt noch die sechste Vorrunde gesetzt. Nach zwei Stunden mit drei direkten Duellen durften dann deren Sieger mit denen der fünf Vorwochen noch einmal auf die Bühne und erzählen, was sich für sie in den vergangenen Wochen verändert hat – was leider exakt so uninspiriert abgespult aussah, wie es sich hier liest.
Am Ende siegen Social Entrepreneure
Die seltsame Wettbewerbsidee der Show tut da ihr Übriges und erinnert an die Szene im Hamburger Indie-Filmjuwel „Absolute Giganten“, in der ein Kind seinen großen Bruder anblafft: „Wer war schlimmer: Godzilla oder Hitler?“
Bei allem Respekt für das Herzblut der Unternehmer und für ihre wirklich oft großartigen Ideen: Es ist natürlich ein ziemlicher Quatsch, zu fragen, was nun die „beste“ Erfindung ist, wenn es um so unterschiedliche Dinge geht wie eine faltbare Backform, einen leicht zu wechselnden Fahrradschlauch, einen nachträglich montierbaren Liefertrolley fürs Bike, einen Überkochschutz für Kochtöpfe, die erwähnte Handyhülle oder eine Anhängerkupplung für Rollstühle.
Fürs Protokoll: Am Ende hat diese Social Entrepreneurship-Idee namens Rollikup mit deutlichem Vorsprung und fast drei Mal so vielen Stimmen wie die zweitplatzierte Kochblume gewonnen. 
Nach dem faltbaren Anhänger Faltos in Staffel eins ist die siegreiche Produktkategorie ja immerhin eine hübsche Konstante in dieser Show, deren Erfindungen wenigstens vereinzelt nicht so gimmickhaft daherkommen wie bei der Vox-Konkurrenz. Die eingangs beschriebene nötige Fallhöhe hat „Das Ding des Jahres“ dadurch aber trotzdem nicht erreicht.
Bild: ProSieben / Willi Weber