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Streamingdienst: Disney startet Großangriff auf Netflix

Ab dem 12. November macht der US-Unterhaltungsgigant Disney dem Streamingdienst Netflix direkte Konkurrenz: Mit dem Streamingangebot „Disney+“ will der Konzern einen Anteil am boomenden Videostreamingmarkt erobern – zunächst in den USA, bis zum ersten Quartal 2020 auch in Westeuropa. Dabei unterbietet der Konzern auf den ersten Blick die Konkurrenten, verlangt pro Monat 6,99 Dollar. Netflix hat gerade erst die Preise für sein Angebot angehoben, Disney positioniert sich damit als die deutlich günstigere Alternative. Zudem erlaubt der Konzern bereits in seinem Basisangebot den Download von Videos, auch der hochauflösende 4k-Standard in farbkräftigem HDR-Format ist ab dem Start für alle Nutzer und Inhalte verfügbar. Disneys Dienst soll völlig Plattform-agnostisch auftreten, läuft also auf Smartphones und smarten Fernsehern per App ebenso wie im Netz als Browserfenster oder auf Streaming-Geräten. Disney hat bereits Abmachungen mit Streamingbox-Anbieter Roku und TV-Hersteller Sony, auch auf dem Apple-TV soll Disney+ einen eigenen Auftritt bekommen. Apple selbst hatte im März einen eigenen Streamingdienst angekündigt.
Disneys Streaming-Chef Kevin Mayer zeigte Analysten in den USA am Donnerstag erstmals die neue Nutzeroberfläche: Jedes Haushaltsmitglied soll bei Disney ähnlich wie bei Netflix ein eigenes Profil bekommen. Disney betont seine Orientierung auf familienfreundliches Fernsehen, schreibt den Jugendschutz groß und erlaubt Eltern weitgehende Kontrolle über das Sehverhalten von Kindern.
Disney unterteilt seinen Dienst nach den verschiedenen Serienuniversen des Konzerns: Klassische Disney-Inhalte bekommen einen eigenen Kanal, ebenso die Animationsfilme der Disney-Trickfilmtochter Pixar, die Superhelden des Marvel-Universums, Star Wars und die Dokumentationen von National Geographic. Bemerkenswert: Disney kauft keine fremden Inhalte ein, wer also Blockbuster von anderen Hollywoodstudios oder Serien wie Game of Thrones von HBO sehen will, liegt bei Disney+ falsch.
Auch deswegen erscheint der Preis von 6,99 Dollar pro Monat auf den zweiten Blick gar nicht so günstig: Netflix, aber auch Amazons Prime Video sind thematisch deutlich breiter aufgestellt, kaufen ihre Inhalte von unterschiedlichen Studios ein und bieten mehr Vielfalt für nur wenig mehr Geld. Netflix hat aktuell etwa 4000 Filme und über 1500 Serien im Programm, Disney startet mit etwa 500 Filmen und einer ungenannten Anzahl Serien.
Disney lässt Verträge mit Netflix und Amazon auslaufen
Umgekehrt bietet Disney Exklusivität – und zieht deswegen die eigenen Blockbuster-Inhalte wie etwa Star Wars oder die Superhelden des Marvel-Universums systematisch von den konkurrierenden Plattformen ab. Bestehende Verträge mit Netflix und Amazon werden nicht verlängert, neue Deals mit Neueinsteigern wie Apple gar nicht erst abgeschlossen.
Mit dem Auslaufen der Verträge verschwinden aktuelle Erfolgsserien wie „Daredevil“, „Luke Cage“ und „Iron Fist“ von Netflix. Gemeinsam mit Disney produzierte Inhalte bleiben Netflix erhalten – doch neue Co-Produktionen wird Disney nicht mehr zulassen. Auch bei Amazon Prime Video fliegen aktuelle Disney-Produktionen aus dem Katalog.
Zudem produziert Disney aktuell bereits fleißig Serien und Filme nur für Disney+: Eigens für den Dienst startet der Konzern eine eigene Serie für Marvel-Held Loki, auch exklusive Star-Wars-Serien sind geplant.
Die hauseigenen Film-Blockbuster geben Disney die Möglichkeit, den eigenen Streaming-Dienst mit dazu passenden exklusiven Serien-Inhalten zu füllen. Neue Disney-Filme werden nur noch auf Disney+ zum Streaming angeboten: Der im März an den Kinokassen startende Superhelden-Kracher Captain Marvel wird der erste Disney-Film, der in der Zweitverwertung nur auf Disney+ laufen wird.
Ein weiterer Erfolgsfaktor von Disney+ könnte die Koppelung mit Sport-Inhalten werden: Disney gehört der US-Sportmarktführer ESPN mit seinem Sport-Streaming-Abo ESPN+. Zudem besitzt Disney seit dem Einkauf bei 21st Century Fox den Dienst „Hulu“, auf dem der Konzern künftig Filme und Serien für sein erwachsenes Publikum anbieten will. Auch sollen bei Disney+ künftig alle Staffeln der „Simpsons“ verfügbar sein.


Alle Disney-Dienste werden in einem Kombiangebot vermarktet
Disney bestätigte bereits gegenüber Analysten, dass künftig alle drei Dienste im Kombiangebot vermarktet werden. Wer Disney+ abonniert, bekommt Rabatt bei ESPN und Hulu und kann einen gemeinsamen Login nutzen. Die Kombination aus den Sport-Inhalten von ESPN und Familien-Hits wie dem Frozen-Franchise könnte Netflix zumindest im US-Markt ernsthaft in Probleme bringen.
Für die Konsumenten aber bedeutet diese Zunahme der Streaming-Angebote, dass sie künftig genau prüfen müssen, welcher Anbieter welche Lieblingsserien, Filme und darüber hinausgehende Vermarktung im Programm hat. Wer Elsa-Fans unter 12 im Haushalt hat, kommt an Disney nicht vorbei, den Erwachsenen-Stoff gibt es bei Warner oder Amazon, exklusive Serien bei Netflix.
Wer alles auf einmal ordert, kommt leicht auf Abogebühren von 30 bis 50 Euro pro Monat. So viel zahlten US-Haushalte bislang für ihr Kabelfernsehen. 2018 kündigten so viele US-Haushalte wie nie zuvor ihre Kabelverträge, laut Statistiken von E-Marketer verloren die Kabelfernsehanbieter in den vergangenen fünf Jahren über 35 Millionen Kunden.
Diese Intermediäre sind die wahren Verlierer des Streaming-Booms im Netz, da sie ihre Existenzberechtigung mit dem Direktengagement der Studios einbüßen. Ob dieses Rezept jedoch auch in Europa funktioniert, ist zweifelhaft, denn hierzulande fällt die Zahlungsbereitschaft für Pay-TV traditionell deutlich niedriger aus.
Hier könnte die intelligenteste Kunden-Strategie sein, Abos nur für einen oder zwei Monate abzuschließen, sämtliche relevanten Inhalte hintereinander weg zu gucken und anschließend den Anbieter wieder zu wechseln. Wer genau prüfen möchte, welche Inhalte wo verfügbar sind, findet beim Dienst „Wer Streamt es“ genauere Informationen.
Dieser Artikel erschien zuerst bei WELT.
Bild: Getty Images/ Gabe Ginsberg / Kontributor